Wenn Hundebeschäftigung (Enrichment) nicht funktioniert
Text: Corinne Kaelin www.dogli.app
Es gibt ein Thema, das uns im Alltag immer wieder begegnet und das uns sehr am Herzen liegt.
Immer wieder hören wir von Hundehalterinnen und Hundehaltern, dass Beschäftigung bei ihrem Hund einfach nicht ankommt – vor allem bei Aufgaben, bei denen der Hund selbst denken muss, oder bei Futter-Enrichment. Der Hund zeigt kein Interesse und reagiert kaum auf das, was ihm angeboten wird.
Natürlich gibt es dafür mehrere mögliche Gründe, die zuerst ausgeschlossen werden sollten – ein gesundheitliches Problem etwa, oder ein stark ausgeprägtes Angstverhalten. Darum soll es hier aber nicht gehen. Wir möchten stattdessen auf etwas anderes aufmerksam machen, das uns in der Praxis leider häufiger begegnet, als uns lieb ist.
Hunde, die meinen, ihr Name sei "Nein"
Auffällig oft sind es nämlich genau diese Hunde: solche, die bei jedem selbst gewählten Verhalten zuerst ein "Nein!" zu hören bekommen haben, ganz gleich, worum es ging. Jede Eigeninitiative, die nicht ausdrücklich vom Menschen gewünscht war, wurde unterbunden.
Aus dieser Lernerfahrung heraus haben diese Hunde eine klare Strategie entwickelt: Nichtstun ist am sichersten. Bekommen sie plötzlich eine Denkaufgabe oder eine Futtersuche angeboten, tun sie deshalb erst einmal gar nichts - für sie der risikoloseste Weg, mit der neuen Situation umzugehen.
Diese Hunde haben zudem gelernt, dass ihre Bezugsperson für sie denkt und sämtliche Probleme löst. Eigene Entscheidungen sind schlicht nicht vorgesehen. Traurig, aber in der Praxis kommt das häufiger vor, als man denken würde.
Oft kommt noch ein zweiter Faktor dazu: sehr viele Impulskontrollübungen rund ums Futter. Diese Hunde müssen lange vor dem Napf sitzen und auf die Freigabe warten, oder sie wurden durch intensives Anti-Giftköder-Training stark darin gehemmt, überhaupt etwas aufzunehmen, das nicht im Napf liegt. Verständlicherweise zeigen sie dann kaum Eigeninitiative. Sie durften nie Kontrolle oder Wahlfreiheit erfahren und haben gelernt: Für alles ist der Mensch zuständig.
Warum wir hier gegensteuern möchten
Diesem Bild möchten wir etwas entgegensetzen. Wir wissen, dass Hunde Beutegreifer sind, die in natürlicher Umgebung einen Grossteil des Tages mit der Suche nach Futter verbringen würden. Wie viele andere Tierarten erarbeiten sich auch Hunde ihr Futter lieber selbst, statt es serviert zu bekommen. Ohne den Einfluss des Menschen wäre die Futterbeschaffung ein zentraler Teil ihres Tagesablaufs.
Dazu kommt noch etwas Grundsätzlicheres: Als Menschen kontrollieren wir ohnehin schon fast den gesamten Alltag unserer Hunde: wann es Futter gibt, was es zu fressen gibt, wen der Hund treffen darf, wann er raus darf (wir bestimmen sogar, wann er aufs Klo darf!), welches Spielzeug gekauft wird, wo er schläft, was erlaubt ist und was nicht. Wir bestimmen über praktisch sämtliche Ressourcen. Dabei wissen wir mittlerweile, dass Wahlfreiheit und Kontrolle über das eigene Umfeld ein Grundbedürfnis aller Lebewesen sind, nicht nur unseres. Genau das sollten wir uns zu Herzen nehmen und unseren Hunden im Alltag mehr Autonomie zurückgeben, wo immer es geht.
Wenn wir also hören, dass Denkaufgaben oder Futter-Enrichment bei einem Hund angeblich nicht funktionieren, lohnt sich ein genauer Blick darauf, woran das wirklich liegt – denn das entspricht grundsätzlich nicht der Natur des Hundes. Hunde sind neugierige Wesen, die Freude am Erkunden haben, die gerne selbst aktiv werden, die Freude am Lösen von Problemen haben und die sich einfach gerne mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Das ist nicht nur schön anzusehen, sondern ein elementarer Bestandteil ihres Wohlbefindens: Sie erleben dabei Selbstwirksamkeit, spüren also, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirkt. Das gibt ihnen einen natürlichen Outlet für arteigene Bedürfnisse, hält sie langfristig körperlich wie mental gesünder und beugt möglichen Verhaltensproblemen vor.
Unser Appell: Wer einem Hund begegnet, der wirklich kein Interesse an solchen Aufgaben zeigt, sollte fragen, woran das liegt und dann Wege finden, ihm das Vertrauen zu geben, sich mit diesen Aufgaben auseinanderzusetzen. Ihn einzuladen, selbst Probleme zu lösen und sich sein Futter zu erarbeiten.

Wie das gelingen kann
Bei diesen Hunden ist es entscheidend, kleinschrittig vorzugehen. Die erlernte Zurückhaltung lässt sich nicht durch Aufforderung durchbrechen, also durch Sätze wie "Jetzt mach das mal". Stattdessen müssen wir dem Hund neue, positive Lernerfahrungen ermöglichen: konsequent jeglichen Druck vermeiden und ihn selbstständig entscheiden lassen, auch wenn er dabei einmal etwas tut, von dem wir uns fragen, warum gerade so und nicht anders.
Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, dass diese Hunde Zeit brauchen, um altes Misstrauen abzulegen und Schritt für Schritt neues Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit zu fassen. Wir zelebrieren deshalb jede Kleinigkeit: das kurze Schnuppern, das zögerliche Erkunden, sogar ein zaghaftes Vorbeugen zu einem Futterstück auf dem Boden. Ganz wichtig dabei: Es gibt keinerlei Korrekturen mehr, das Wort "Nein" wird komplett verbannt. Der Hund darf vollkommen frei wählen, auch wenn er sich dabei aus menschlicher Sicht unkonventionell anstellt.
Wir beginnen mit ganz einfachen, eindeutigen Suchspielen, etwa einem gut sichtbaren Leckerchen auf dem Boden, bei dem nichts schiefgehen kann und der Erfolg garantiert ist. Zeigt sich der Hund dabei gehemmt, kann es sogar helfen, die Übung zunächst von einer anderen, unbelasteten Person starten zu lassen, falls die Zurückhaltung stark personenbezogen ist.
Bei Hunden, die sich sehr an ständige Kontrolle gewöhnt haben, kann ausserdem ein klares, verlässliches Freigabesignal am Anfang helfen. Es legt quasi den Schalter im Kopf um und erteilt die offizielle Erlaubnis zur Eigeninitiative. Gleichzeitig reduzieren wir die Impulskontrolle im Alltag insgesamt und erlauben mehr freies Erkunden.
Ein Wort zur Impulskontrolle
Hier möchten wir nicht falsch verstanden werden: Auch uns ist ein gewisses Mass an Impulskontrolle im Alltag und rund ums Futter wichtig. Niemand möchte beim Füttern von seinem übereifrigen Hund überrannt oder umgerempelt werden, aber das lässt sich auch ohne den Hund zu hemmen oder über ein "Nein" einzuschüchtern gestalten – und auch ohne, dass er erst minutenlang vor dem Napf sitzen oder auf die Freigabe warten muss.
Zur Veranschaulichung hier, wie wir in der Regel Impulskontrolle rund ums Futter handhaben: Wir nutzen dafür weder gesprochene Korrekturen noch Ansagen wie "Warten", sondern die Schüssel selbst wird zum Signal. Solange sie sich noch nicht am Boden befindet und wir unser Freigabesignal gegeben haben, gilt Zurückhaltung. Der Hund soll sich in diesem Moment nicht auf die Schüssel zubewegen. Tut er es doch, während sie sich noch senkt, wandert sie einfach wieder nach oben, ganz ohne ein "Nein" oder einen anderen Einwand. So lernt der Hund von selbst: Solange sich die Schüssel nach unten bewegt, halte ich mich zurück. Steht sie am Boden und richtet sich die Bezugsperson wieder auf, kommt das Freigabesignal, und ich darf mich zur Schüssel bewegen und fressen. Wir sind dabei nicht der einschränkende Faktor, die Schüssel selbst übernimmt diese Rolle.

Was am Ende zählt
Gehemmte oder passive Hunde profitieren enorm davon, wenn wir ihnen Denkaufgaben anbieten und sie sich ihre Mahlzeiten über Futter-Enrichment erarbeiten dürfen. Für sie sind das vollkommen neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit: Ich darf Entscheidungen treffen. Mein Verhalten ist erwünscht und in Ordnung. Aktiv sein ist sicher, und ich darf Dinge tun, ohne vorher fragen zu müssen. Dem Hund diese Kontrolle, diese Autonomie und ein Stück Wahlfreiheit zurückzugeben, ist ein zentraler Bestandteil seines Wohlbefindens.
Man kann eigenständiges Erkunden im Alltag nicht ständig unterbinden und permanent Impulskontrolle einfordern, um dann bei einer anspruchsvollen Denkaufgabe plötzlich zu erwarten, dass der Hund mutig und begeistert loslegt und das Problem selbstständig löst. Das geht nicht zusammen. Häufig heisst es dann, der Hund sei halt nicht so schlau. Dabei liegt es in der Regel schlicht daran, dass er gelernt hat, sich auf uns zu verlassen, statt selbst zu denken und zu handeln.
Dazu kommt noch ein weiterer Punkt, den wir als Denkanstoss mitgeben möchten: Generell werden viele Hunde, auch unsere eigenen, mit klassischen Beschäftigungen aktiv gehalten, sei es Rally Obedience, Agility oder Trick-Training. Das sind wirklich tolle Beschäftigungsmöglichkeiten, bei denen sich der Hund gut auslasten kann. Zu bedenken ist dabei aber, dass bei diesen Formen der Beschäftigung in der Regel der Mensch vorgibt, was gerade zu tun ist. Das ist ein Unterschied zwischen klassischer Beschäftigung und echtem Enrichment: Klassische Beschäftigung wird in der Regel vom Menschen vorgegeben, während Enrichment den Hund zu Eigeninitiative und wirklich freien Entscheidungen einlädt. Damit wir nicht falsch verstanden werden: Klassische Beschäftigung ist absolut nichts Negatives und dass der Mensch dabei die Richtung vorgibt, liegt einfach in ihrer Natur. Wichtig ist nur, dass wir uns dessen bewusst sind und dem Hund deshalb auch andere Möglichkeiten bieten, in denen er wirklich mehr Wahlfreiheit und Kontrolle hat.
Am Ende sind es nur wenige Hunde, die wirklich keine Freude an Denkaufgaben oder Futter-Enrichment haben. Meistens hatten sie einfach noch nicht die Gelegenheit, das für sich zu entdecken. Und genau diese Gelegenheit können wir ihnen mit dem entsprechenden Bewusstsein und etwas Geduld schenken.
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